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ARTIKEL

Bin ich hochsensibel, autistisch – oder ist es ADHS?

Bei allen drei nimmt das Nervensystem mehr auf, als es mühelos verarbeiten kann. Hochsensibilität ist ein Temperamentsmerkmal. Autismus und ADHS sind neuroentwicklungsbedingte Störungsbilder mit formalen diagnostischen Kriterien. Es gibt echte Überschneidungen, sie treten häufig gemeinsam auf, und die übersichtlichen Checklisten im Internet unterscheiden weniger zuverlässig, als sie vermuten lassen.

Sie lesen die Beschreibung eines hochsensiblen Menschen, und etwas fügt sich. Endlich gibt es ein Wort dafür.

Dann lesen Sie einen Beitrag über spät diagnostizierten Autismus bei Erwachsenen, und auch das passt. Danach etwas über ADHS bei Frauen oder bei Menschen, die in der Schule nie störend aufgefallen sind – und auch darin erkennen Sie sich wieder.

Nun haben Sie drei mögliche Namen für dieselben Erfahrungen, jeweils mit einer Community, die ziemlich sicher ist, dass ihrer der richtige ist – und keine Möglichkeit, verlässlich zwischen ihnen zu entscheiden.

Diese Verwirrung bedeutet nicht, dass Sie nicht gründlich genug recherchiert haben. Die Konzepte überschneiden sich tatsächlich, und gerade die Unterschiede, die am selbstsichersten behauptet werden, sind oft diejenigen, für die die Evidenz am schwächsten ist.

Was die drei Begriffe tatsächlich beschreiben

Hochsensibilität – in der Forschung als Sensory Processing Sensitivity bezeichnet – ist ein Temperamentsmerkmal, das schätzungsweise bei etwa 15–20 % der Menschen vorkommt. Die zentrale Annahme ist eine tiefere Verarbeitung: Es wird mehr aufgenommen, stärker mit früheren Erfahrungen abgeglichen und vor einer Reaktion gründlicher abgewogen. Hochsensibilität ist keine Diagnose. Es gibt weder einen klinischen Schwellenwert noch einen diagnostischen Abklärungsweg – und nichts, was behandelt werden müsste.

Autismus ist ein neuroentwicklungsbedingtes Störungsbild mit formalen diagnostischen Kriterien. Im Zentrum stehen Unterschiede in der sozialen Kommunikation sowie eingeschränkte oder repetitive Verhaltens- und Interessensmuster. Sensorische Unterschiede gehören zum Bild, können aber in beide Richtungen gehen: Manche autistische Menschen reagieren überempfindlich auf Reize, manche unterempfindlich, viele – je nach Sinneskanal und Tagesform – auf beide Arten.

ADHS ist ebenfalls neuroentwicklungsbedingt und betrifft vor allem die Regulation von Aufmerksamkeit, Aktivität und Impulsen. Emotionale Intensität gehört nicht zu den diagnostischen Kriterien, kommt bei Erwachsenen mit ADHS aber sehr häufig vor – ebenso wie eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber wahrgenommener Zurückweisung.

Hochsensibilität Autismus ADHS
Status Temperamentsmerkmal Diagnostizierbares Störungsbild Diagnostizierbares Störungsbild
Sensorisches Muster Typischerweise überempfindlich Überempfindlich, unterempfindlich oder beides Oft überempfindlich; unterschiedlich ausgeprägt
Kern des Konzepts Tiefe der Verarbeitung Soziale Kommunikation und repetitive Muster Regulation von Aufmerksamkeit und Impulsen
Typische Reaktion auf Überlastung Innehalten, Rückzug, Verarbeiten Shutdown oder Meltdown; Rückzug Handeln, eskalieren oder aussteigen
Formale Diagnostik vorhanden Nein Ja Ja
Kann gemeinsam mit den anderen auftreten Ja Ja Ja

Eine solche Tabelle hilft bei der Orientierung, ist aber unzuverlässig, wenn Sie sich selbst einordnen möchten. Im Folgenden erfahren Sie, warum.

Die Unterscheidung, die in den meisten Artikeln falsch dargestellt wird

Am häufigsten lesen Sie, hochsensible Menschen seien besonders empathisch und sozial feinfühlig, autistische Menschen hingegen nicht. Wer andere gut lesen könne, sei demnach hochsensibel und nicht autistisch.

Das ist die schwächste Behauptung in der gesamten Diskussion – und zugleich diejenige, die mit der größten Sicherheit vorgetragen wird.

Sie beruht auf einem überholten Bild von Autismus als Empathiedefizit. Viele autistische Erwachsene sind ausgesprochen empathisch, manche in einem überwältigenden Ausmaß. Schwierigkeiten, ein bestimmtes soziales Signal zu lesen, sind nicht dasselbe wie mangelndes Interesse daran, was ein anderer Mensch fühlt. Empathie als Trennlinie zu verwenden, ist nicht nur ungenau. Es führt systematisch dazu, dass autistische Erwachsene, die jahrzehntelang gelernt haben, soziale Gewandtheit überzeugend darzustellen, bei der Antwort „nur hochsensibel“ landen – weil sie den Test bestehen, den der Artikel vorgibt.

Wenn Sie Menschen gut einschätzen können, weil Sie sie sorgfältig studiert haben, spricht das nicht gegen Autismus. Es kann vielmehr zeigen, wie hart Sie daran gearbeitet haben.

Warum die Selbsteinordnung anhand von Symptomlisten nicht funktioniert

Dafür gibt es drei Gründe, die sich gegenseitig verstärken.

Die Überschneidung ist real, nicht oberflächlich. Sensorische Überforderung, längere Erholungszeiten, emotionale Intensität und Schwierigkeiten mit unvorhersehbaren Umgebungen kommen in allen drei Beschreibungen vor. Eine Liste mit Erfahrungen, in denen Sie sich wiedererkennen, wird zu allen drei passen, weil alle drei sie umfassen.

Masking verdeckt die Anhaltspunkte. Wenn Sie dreißig Jahre lang eine Version Ihrer selbst aufgebaut haben, die sozial nicht auffällt, wurde das beobachtbare Verhalten, auf das Diagnostik angewiesen ist, gezielt geglättet. Je überzeugender die Maske, desto weniger verrät die Oberfläche – anderen und auch Ihnen selbst.

Gemeinsames Auftreten ist häufig. Die Frage „Welches davon ist es?“ setzt voraus, dass nur eine Antwort möglich ist. Autismus und ADHS treten häufig gemeinsam auf. Und es gibt keinen Grund, weshalb ein Mensch, der die Kriterien für eines oder beide erfüllt, nicht zugleich temperamentbedingt hochsensibel sein kann.

Eine weitere Komplikation sollte klar benannt werden: Die Fragebögen zur Messung von Hochsensibilität überschneiden sich in bedeutsamer Weise mit Instrumenten für Angst und Neurotizismus. In der Forschung besteht weiterhin Uneinigkeit darüber, wo die Grenzen des Konzepts liegen. Das ist kein Grund, den Begriff zu verwerfen. Es ist ein Grund, einen Fragebogenwert nicht als Befund zu behandeln.

Wann das Label wirklich wichtig ist – und wann nicht

Die hilfreiche Frage lautet nicht „Was bin ich?“, sondern „Was würde sich ändern, wenn ich es wüsste?“

Eine formale Diagnose ist wichtig, wenn sie etwas zugänglich macht. Anpassungen am Arbeitsplatz oder im Studium. Medikamente im Fall von ADHS. Zugang zu bestimmten Leistungen. Manchmal auch die Stimmigkeit, die entsteht, wenn die eigene Geschichte durch etwas mit einem Namen und einer Fachliteratur verständlich wird. Das sind reale Vorteile. Wenn einer davon für Sie relevant ist, lohnt sich eine Abklärung – bei einer Person, die dafür qualifiziert ist.

Für die tägliche Arbeit ist das Label weniger wichtig, als viele erwarten. Was Aufmerksamkeit braucht, ist ein System, das früher an seine Kapazitätsgrenze kommt als das der Menschen um Sie herum – und die Strategien, mit denen Sie versucht haben, das unsichtbar zu halten. Wachsamkeit. Gespräche im Voraus durchspielen. Früher gehen. Ihre Reaktionen fortlaufend auf eine Größe begrenzen, die andere angemessen finden, ohne dass jemand die Anstrengung bemerkt. Diese Arbeit bleibt dieselbe, unabhängig davon, welches Label am Ende passt. Und sie muss nicht warten, bis eine Diagnose möglich ist.

Gründe für eine formale Abklärung

  • Sie benötigen Anpassungen am Arbeitsplatz oder im Studium
  • Medikamente sind eine konkrete Frage
  • Der Zugang zu einer bestimmten Leistung hängt davon ab
  • Die Ungewissheit selbst bindet erheblich viel Energie

Was dieser Artikel nicht leistet

Er sagt Ihnen nicht, welches davon auf Sie zutrifft. Kein Text für ein allgemeines Publikum kann das leisten, und Behauptungen, die etwas anderes versprechen, sollten mit Vorsicht gelesen werden.

Der Artikel stellt keine Diagnose, und auch ich tue das nicht: Ich führe keine Diagnostik für Autismus oder ADHS durch, und für Hochsensibilität gibt es keine diagnostische Abklärung. Wenn eine formale Untersuchung sinnvoll erscheint, sage ich Ihnen das und verweise Sie an eine entsprechend qualifizierte Stelle.

Er behauptet auch nicht, dass Labels unwichtig seien. Für viele Menschen ist die passende Beschreibung das Erste, was ihre eigene Geschichte verständlich macht. Das ist bedeutsam. Es ist nur eine andere Frage als die, was als Nächstes zu tun ist.

Häufige Fragen

Kann ich hochsensibel und autistisch sein?

Ja. Hochsensibilität ist ein Temperamentsmerkmal und Autismus ein neuroentwicklungsbedingtes Störungsbild. Es handelt sich um unterschiedliche Arten von Konzepten, und nichts schließt aus, dass beides zutrifft. Dasselbe gilt für Hochsensibilität und ADHS sowie für Autismus und ADHS, die häufig gemeinsam auftreten.

Ist Hochsensibilität einfach nur undiagnostizierter Autismus?

Für manche Menschen kann sie als leichter akzeptierbarer Zwischenhalt dienen als eine Abklärung, die sie bisher nicht verfolgt haben. Für viele andere gilt das nicht: Sie erfüllen die Kriterien für Autismus nicht und würden sie auch nie erfüllen. Beides ist wahr. Deshalb lässt sich die Frage nicht anhand einer Beschreibung klären.

Würde sich dadurch ändern, wie Sie mit mir arbeiten?

Weniger, als Sie vielleicht denken. Mein Vorgehen beginnt damit, Kapazität im Nervensystem aufzubauen, bevor wir uns schwierigem Material nähern. Ein System, das leicht überflutet wird, braucht das unabhängig davon, wie diese Überflutung genannt wird. Was sich ändert, sind Tempo und Erwartungen – nicht der grundsätzliche Ansatz.

Mir wurde gesagt, ich sei „ein bisschen im Spektrum“. Ist das eine Diagnose?

Nein. Das ist eine beiläufige Formulierung, die meist freundlich gemeint ist, klinisch aber in keine Richtung Gewicht hat. Sie ist weder eine Bestätigung noch ein Grund, die Frage nicht weiterzuverfolgen.

Sollte ich einen Online-Test machen?

Selbstauskunftsfragebögen können ein hilfreicher Anstoß zur Reflexion sein. Sie sind keine diagnostischen Instrumente – unabhängig davon, was die umgebende Seite nahelegt. Betrachten Sie ein Ergebnis als eine Beschreibung, über die es sich nachzudenken lohnt, nicht als Befund.

Wenn Sie sich schon länger im Kreis um diese Frage drehen

Erzählen Sie mir, was es Sie derzeit kostet und was Sie bereits versucht haben. Ich sage Ihnen ehrlich, ob ich glaube, dass dieser Ansatz den Teil erreichen würde, der sich nicht verändert – und wenn eine Abklärung Ihnen mehr dienen würde, sage ich Ihnen auch das.

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Geschrieben von Rotem Hess, MA – in Österreich eingetragener Psychotherapeut, online tätig auf Deutsch, Englisch und Hebräisch. Ausgebildet in EMDR und Lifespan Integration; zertifizierter HeartMath-Trainer. Selbst hochsensibel. Weitere Artikel auf dieser Website: Psychotherapie bei Hochsensibilität und ADHS bei Erwachsenen.

Zuletzt geprüft: 23. August 2026